Leseprobe: Butterbrot und Liebe


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© 2017 Susanne Friedrich
Umschlaggestaltung: Literaturtest, Berlin
Korrektur und Buchsatz: Ka & Jott, Prenzlau
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN Paperback: 978-3-7439-4188-5
ISBN Hardcover: 978-3-7439-4189-2
ISBN E-Book: 978-3-7439-4190-8

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Kapitel 1


Hannah strich durch ihre Mähne, zupfte ihre perfekt sitzende Kostümjacke
zurecht und atmete tief ein. Bleib ruhig, ermahnte sie sich. Ganz ruhig.
So gelassen wie möglich drehte sie sich um und kehrte
zum Konferenztisch zurück. Die Anspannung im Raum war
deutlich spürbar, hing wie schwerer Smog in der Luft. Hier
und da räusperte sich jemand, fummelte an seinem Kugel-
schreiber oder rückte Blätter zurecht. Alle Augen waren auf
Hannah gerichtet.
Sie baute sich vor ihrer Mannschaft auf, verschränkte die
Arme und nahm jeden einzelnen der Reihe nach ins Visier.
Stille. Wohin sie sah, angespannte Gesichter, manch eines
verängstigt. Hannah spannte den Rücken an.
»In einem Moment wie diesem frage ich mich, ob sie Ihre
Abschlüsse in einer billigen Tombola gewonnen haben. An-
ders ist das Resultat ihrer Arbeit, wenn Sie sie so nennen
möchten, nicht zu erklären. Ich hoff e immer noch, dass es
sich um einen schlechten Scherz handelt?«
Schweigen. Hier und da ein leiser Seufzer. Ansonsten Stille.

»Nun gut. Ich habe nicht vor, auf diese Präsentation im
Detail einzugehen. Das Niveau entspricht einem Projekt lern-
behinderter Sechsjähriger. Wir können es uns nicht leisten,
uns damit zu blamieren und den Ruf unseres Unternehmens
zu schädigen. Ich gebe Ihnen bis Montag, um das Ganze auf
Vordermann zu bringen und es mir, pünktlich um neun in
aller Frische, zu präsentieren. Noch Fragen?«
Eine Hand hob sich zaghaft. Niklas, ein junger Mitarbei-
ter mit einer Hornbrille der Größe eines Wagenrades, mel-
dete sich zu Wort.
»Ich hatte mir Montag freigenommen. Meine Frau und
ich feiern unseren ersten Hochzeitstag. Ich hab schon Ti-
ckets und Hotel gebucht. Barcelona«, fügte er mit einem
zaghaften Lächeln hinzu.
Mehrere Augenpaare weiteten sich. Andere klappten zu.
Hannahs blieben starr auf ihn gerichtet. Niemand rührte
sich. Besser gesagt, niemand wagte es.
»Barcelona. Reizend! Eine schöne Idee, ganz zauberhaft!
Dann können Sie mit ihrer Frau ja gleich die Tatsache fei-
ern, dass sie ihren Job wieder los sind.«
Niklas Augen wuchsen zu der Größe seiner Brille. Un-
gläubig starrte er Hannah an, sah nicht, wie sein Gegen-
über versuchte, ihn mit Handzeichen davon abzubringen,
weiterzureden.
»Das ist nicht ihr Ernst? Das können Sie nicht machen!«
Sein Gegenüber legte jetzt den Kopf in die Hände, seufz-
te kaum hörbar, lehnte sich dann zurück und verschränkte
die Arme.«
»Alles in Ordnung, Tobias?«, fragte Hannah ihn. »Möch-
test du vielleicht die Antwort übernehmen?«

Tobias winkte dankend ab. Mitleidig sah er Niklas an, der
fragend die Hände hob.
»Niklas, Sie stehen kurz vor dem Ende Ihres Probejahres.
Einer festen Anstellung steht meiner Ansicht nach bis jetzt
nichts entgegen. Sofern ich sehe, dass Sie auch weiterhin be-
reit sind, volles Engagement zu leisten. Die Entscheidung liegt
ganz bei Ihnen. Sehe ich Sie Montag nicht, weiß ich, für wel-
chen Weg Sie sich entschieden haben, und ziehe daraus die
entsprechenden Konsequenzen. Nicht, ohne Ihnen dann auf
ihrem zukünftigen beruflichen Werdegang alles erdenklich
Gute zu wünschen. Wie gesagt, Ihr Leben, Ihre Entscheidung.
Und ja, das ist mein Ernst. Nach dieser Präsentation ist mir die
Lust am Scherzen vergangen. Danke dafür! So Herrschaften,
das wäre alles. An die Arbeit, es gibt genügend zu tun. Lisa,
du bleibst bitte noch, wir gehen kurz die Kernpunkte durch.«
Niklas rührte sich nicht, saß wie angewurzelt und starrte
ungläubig vor sich hin. Die anderen Mitarbeiter erhoben
sich zügig, sammelten ihre Sachen zusammen und suchten
das Weite. Tobias gab Niklas zu verstehen, dass es an der
Zeit war, zu gehen. Niklas erhob sich wie in Zeitlupe, sah
ein letztes Mal zu Hannah, die ihnen bereits den Rücken
gekehrt hatte und mit Lisa sprach. Kopfschüttelnd ging er
Richtung Tür und stieß fast mit einem überdimensional
großen Korb zusammen.
»Achtung, hier kommt die lang ersehnte Stärkung! But-
terbrot und Liebe.«
Niklas starrte den Lockenkopf hinter dem Korb an, des-
sen Lächeln den Raum erhellte. Hannah wandte sich um
und unterbrach ihre Unterredung mit Lisa. Alle Augen wa-
ren nun auf den Neuankömmling gerichtet.

»Butterbrot und Liebe, weil alles, was ich liefere, mit
Liebe gemacht ist. Deiner Gesichtsfarbe nach zu urteilen,
brauchst du dringend Vitamine. Versuchs mit einem ›Hu-
mus der Herkules‹, da kriegst du reichlich. Humus, Wal-
nüsse und Granatapfelkerne. Die geballte Ladung Energie.«
Der Neuankömmling strahlte, Niklas schwieg, Hannah
ging auf ihn zu und verschränkte wieder die Arme. Ihr Blick
fiel auf Tamara, die aus dem Großraumbüro herbeieilte.
»Und am besten nimmst du einen frischen Saft, hebt die
Stimmung«, fügte der Mann mit dem Korb hinzu. Sein Lä-
cheln unterstrich das Gesagte.
»Tamara, können Sie mir erklären, was das soll?« Han-
nahs Ton war schneidend.
Tamara hob beschwichtigend die Hände. »Sorry, hab ich
falsch durchgestellt. Hier nicht, Christoph. Überall, nur
nicht hier!«, flehte sie ihn an.
Christoph sah ungläubig erst sie, dann Hannah an. Wie-
der lächelte er, nahm dann den ›Humus der Herkules‹, dessen
Verpackung allein eine Sensation war, den frisch gepressten
Rotebeetesaft, in einer ebenso auffällig schönen Glasflasche,
und reichte beides dem verdutzten Niklas. »Ich komm gleich
abkassieren«, zwinkerte er ihm zu und sah zu Hannah.
»Und was darf ich dir Gutes tun?«
Lisa blieb der Mund offen stehen, Tobias schob Niklas
durch die Tür an Tamara vorbei, murmelte »Ich nehm später
auch was«, und Tamara schlug die Hände vors Gesicht.
»Ein Frontalduzer. Ich scheine heute einen echten Lauf
zu haben. Na toll«, gab Hannah in eisigem Ton zurück.
Christoph brach in Lachen aus, richtete sich aufrecht,
beugte sich dann wie ein Page nach vorne, die rechte Hand auf die
Brust gelegt. Die Verbeugung war trotz des ominö-
sen Korbes vollendet. Als er wieder aufrecht stand, lächelten
jetzt auch seine Augen, nicht allein der Mund.
»Vergebt mir, Hoheit. Wie kann ich Sie an diesem herrli-
chen Tag beglücken?«

Lisa schloss den Mund und sah ungläubig erst zu Chris-
toph und dann zu Hannah. Tamara lehnte den Kopf mit
geschlossenen Augen an den Türrahmen und zog scharf die
Luft ein. Christoph rührte sich nicht.
Hannah musste lachen, ungewollterweise. Der Mann
war nicht zu toppen. Lisa atmete erleichtert auf und Tama-
ra sah Hannah ungläubig an. Selten schaffte es jemand aus
dem Stand heraus, ihre Chefin zu einer Kehrtwendung zu
bewegen, geschweige denn, ihr dabei noch ein Lächeln zu
entlocken.
»Was gibt es dann Schönes?«, fragte sie schließlich und
lugte in den Korb. Der Duft des Inhaltes lag im Raum, das
Angebot die reinste Augenweide.
»Wie wär’s mit einer ›Himbeersinfonie der Sinne‹? Frisch-
käse, Himbeeren und Basilikum. Ein absoluter Burner!«
Hannah begutachtete das Paket. Umwerfend, dachte
sie. Wie gemalt, jede einzelne Beere, wie gemalt. Und die
Farben!
»Ich probiere es. Gewagt, aber okay. Kann heute ja nur
besser werden.«
»Was zu trinken?«
»Nein, danke.«
»Macht dreifünfundneunzig.«
Hannah ging wortlos zu ihrem Schreibtisch, holte das Geld
aus ihrer Tasche und reichte Christoph einen Fünfeuroschein.

»Passt so, danke!«
»Ich habe zu danken. Bis zum nächsten Mal!«
»Lisa, möchtest du etwas, dann können wir danach weiter-
machen?«
Lisa sah kurz erstaunt zu Hannah und ging dann lächelnd
auf Christoph zu.
»Hast du auch klassische Varianten?«
»Na klar! Fleisch oder Fisch?«
»Fisch.«
»Dann probier das hier, ›Thunfischtheater‹, mehr verra-
te ich nicht«, sagte er mit einem Augenzwinkern. »Limo
dazu?«
»Gerne!«
»Sieben Euro und zwanzig Cent, bitte.«
»Tamara kannst du auslegen? Ich hab mein Geld nicht
dabei.«
»Klar! Komm, ich regle das.«
»Na dann«, strahlte Christoph Hannah an, »bis morgen!«
Hannah winkte ihn mehr zur Tür hinaus, als dass sie ihn
verabschiedete, ging zu ihrem Schreibtisch und legte ihr
belegtes Brot ab. Der Anblick war wirklich verführerisch.
Der Duft von Basilikum und Himbeeren kitzelte ihre Nase.
Trotzdem, Arbeit geht vor, dachte sie mit einem stillen Seuf-
zer und wandte sich wieder ihrer Mitarbeiterin zu.
»So Lisa, weiter geht’s im Text.«
Um den Korb hatte sich im Großraumbüro rasch eine kleine
Menschentraube gebildet. Der Inhalt leerte sich mit rasen-
der Geschwindigkeit. Christoph verteilte belegte Brote, Sü-
ßes und gute Laune. Als er fertig war, ging er zu Tamara am
Empfang. Auf dem Weg dorthin kam er an Niklas vorbei,
der mit Tränen in den Augen den Hörer auflegte.
»Zum Heulen hat bisher noch niemand meine Brote ge-
funden. So schlimm?«
Niklas schluckte und setzte die Brille zurecht, zwang sich
zu einem Lächeln.
»Alles klar, Mann?«, fragte Christoph besorgt.
Niklas nickte stumm.
»Na dann, halt die Ohren steif. Deine Kollegin hat für
dich bezahlt. Bis morgen.«
Bei Tamara angekommen, übergab er ihr eine liebevoll
verpackte Schachtel Pralinés.
»Danke, dass du mich hier eingeführt hast. Auch von
Atilla.«
»Kein Ding. Obwohl ich fast gestorben wäre, als du in Han-
nahs Büro marschiert bist. Krasser Act, muss ich schon sagen.«
»Ist die immer so?«
Tamara rollte die Augen und schnaufte. »Es gibt noch
Steigerungsmöglichkeiten.«
»Alles klar. Reizende Person, muss ich schon sagen! Ich
muss los. Wir sehen uns morgen, danke noch mal!«
»Nicht dafür, ciao!«
Tamara blickte Christoph verträumt nach, bis er im Auf-
zug verschwand. Eine Kollegin wischte sich gerade einen
Krümel aus dem Mundwinkel und erhaschte einen letzten
Blick von ihm.
»Ist der süß! Und seine Brote, mega! Weißt du, ob er in
festen Händen ist?«
»Keine Ahnung. Aber die Schlange reicht bestimmt bis
Brandenburg, sollte es so sein.«
Die Kollegin seufzte. »Wenigstens haben wir das Glück,
ihn einmal am Tag zu sehen.«
»Du sagst es.«

Atilla stellte den vollen Korb zurecht, als die Tür aufging
und Christoph freudestrahlend seinen leeren Korb schwang.
»Der Laden, in dem Tamara arbeitet, ist ein Volltreffer,
ich brauch Nachschub!«
»Schon fertig. Krass, Mann! Alles verkauft?«
»Bis auf den letzten Krümel.«
Christoph fuhr sich durch die Locken.
»Alles klar, Mann? Du siehst aus, als wärst du gegen eine
Wand gelaufen.«
»So ungefähr. Ich glaub, ich hab mich verguckt. Und sie
ist nicht mal mein Typ.«
»Geil, Tamara?«
»Nein, Hannah. Ein echtes Monster, führt sich ziemlich
mies auf.«
»Und du fährst auf sie ab? Das passt nicht.«
»Na ja, irgendwie, ich weiß auch nicht. Also ihr Lachen
ist umwerfend und ihre Mähne, superschön.«
»Also doch dein Typ.«
»Nein, das ist es ja eben. Ich kam mir vor wie in meiner
alten Firma, nach der feindlichen Übernahme. Eiszeitstim-
mung. Kriegt mich auch keiner mehr hin.«
»Wenn es so weiterläuft, musst du das auch nicht. Also,
nicht quatschen, machen! Hier« Atilla reichte ihm den Korb,
»ich schmier schon mal weiter.«
Christoph lachte, nahm den Korb und winkte Ellie zu, die
hinter der Theke einen Kunden mit einem Smoothie versorgte.
Die wenigen Plätze im Raum waren belegt, die Auslage nur
noch dünn besiedelt.
Doch auch während seiner nächsten Lieferung ging Chris-
toph die Begegnung mit Hannah nicht mehr aus dem Kopf.
Er konnte sich beim besten Willen nicht erklären, wieso.

Hannah nahm den letzten Krümel. Die Brotkreation hatte
ihre Laune deutlich verbessert. Köstlich hatte es geschmeckt,
diese ungewöhnliche Kombination aus süß und salzig. Ein
Geschmacksorgasmus, überlegte sie und musste lächeln.
Echt süß, der Junge. Aber leider zu jung für mich. Zu scha-
de! Hannah seufzte und widmete sich wieder ihrem Com-
puter. Nach den frischen Farben des belegten Brotes regierte
wieder kühle Sachlichkeit in ihrem Büro. Ein Klopfen an
der Tür ließ sie aufsehen. Niklas stand in der Tür.
»Was ist?«
Niklas ging wortlos auf sie zu und reichte ihr ein Cou-
vert. Fragend sah Hannah ihn an.
»Was ist das?«
»Meine Kündigung.«
Respekt, dachte Hannah. Der hat Eier, der Kleine. Wahn-
sinn! Gemächlich lehnte sie sich zurück und verschränkte
die Arme. Niklas ließ sie nicht aus den Augen. Diese Brille
ist echt der Knüller, überlegte Hannah und schob den Ge-
danken beiseite.
»So was will gut überlegt sein.«
Niklas hob das Kinn, sah sie trotzig an und schwieg.
»Schlafen Sie eine Nacht drüber, tauschen Sie sich mit Ih-
rer Frau aus. Wenn Sie dann immer noch kündigen wollen,
nehme ich Ihre Kündigung an.«

»Mehr haben Sie nicht zu sagen?«
»Nein, wieso? Schicken Sie mir bitte Lisa, danke.«
Hannah lächelte kurz, widmete sich wieder ihrem Bild-
schirm und beachtete Niklas nicht weiter. Sein Schweigen
lag deutlich hörbar im Raum, störte Hannah aber nicht wei-
ter. Als sie wieder aufsah, stand Lisa vor ihr.
»Mach bitte die Tür zu und setz dich.«
Lisa tat wie befohlen und nahm Platz. Hannah nahm ih-
ren Füllfederhalter und drehte ihn hin und her.
»Niklas wollte gerade kündigen.«
Lisa nickte.
»Ich würde ihn ungern verlieren. Er hat großes Potenti-
al, ist sich aber über seine Prioritäten noch nicht ganz im
Klaren. Es wäre ein Verlust für uns, auch wenn niemand
unersetzlich ist.«
»Er ist ein Teamplayer und zudem sehr beliebt.«
Hannah nickte. »Liegt wohl an der Brille. Wenn er mor-
gen kommt und es sich anders überlegt hat, wovon ich aus-
gehe, übernehme ich die Umbuchungskosten seiner Reise.«
Lisa lächelte anerkennend.
»Aber wenn ich mitbekomme, dass du ihm diese Infor-
mation gesteckt hast, spar dir die Mühe wiederzukommen,
hab ich mich klar ausgedrückt?«
»Allerdings. Du fährst ein enormes Risiko.«
Hannah lehnte sich zurück und lächelte. »No Risk, no
Fun.«