Leseprobe: Pannen, Pech und Paul


Die Autorin


Susanne Friedrich wurde 1965
als Kind deutscher Eltern in In-
dien geboren. Weitere Lebens-
stationen in Singapur, London,
Paris, Sankt Petersburg und
Russland folgten. Das Reisen
prägte sie von klein auf und schenkte ihr vier Sprachen, genau
wie unzählige Erinnerungen. Gesammelt hat sie das Erlebte
zu Beginn durch die Linse ihrer Kamera. Ihre Bilder erzählen
Geschichten. Später wechselte sie von der Kamera zum Stift
und wurde zur Autorin. In Ihren Büchern erzählt sie Ge-
schichten mit viel Humor und einem dicken Augenzwinkern.
Und genau dieser Blickwinkel kommt bei ihren Lesern an. Die
Autorin hat bereits mehrere Romane veröffentlicht. Seit 2007
lebt und arbeitet sie mit ihrer Familie in Berlin.

Das Buch


Charlotte will eigentlich nur in Ruhe ihren neuen Krimi fer-
tigschreiben. Doch ihre Freundin Sandra funkt mal wieder
dazwischen und zwingt sie mit den Worten »Paul ist weg!«
unbarmherzig zurück in die Realität. Denn Sandra hat sich in
den Kopf gesetzt, den gutaussehenden Anwalt Paul Wichert
zu heiraten. Das Problem: Paul will nicht heiraten. Und schon
gar nicht Sandra. Deshalb ist er abgehauen und hat Charlotte
mit seiner hysterischen Freundin zurückgelassen. Gemein-
sam machen sich die beiden Frauen auf die Suche nach dem
Flüchtigen. Als sie ihn schließlich finden, wartet eine Über-
raschung ...

Susanne Friedrich
Pannen, Pech und Paul
Roman
Forever by Ullstein
forever.ullstein.de
Originalausgabe bei Forever
Forever ist ein Digitalverlag
der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin
Februar 2017 (1)
© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2017
Umschlaggestaltung:
zero-media.net, München
Titelabbildung: © FinePic®
Autorenfoto: © privat
ISBN 978-3-95818-162-5

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tung übernimmt.

Kapitel 1


Sonnenstrahlen tanzten auf der Wasseroberfläche wie aufge-
regte Glühwürmchen. Die zarten Farben des Regenbogens
spiegelten sich im Wasserglas, bewegt durch das Wechselspiel
von Wind und Wolken.
Charlotte Liebvogel ließ sich nicht lange bitten. Sie folgte
nur zu gerne dem Ruf in die Welt der Phantasie. Verzückt saß
sie an ihrem Schreibtisch und wohnte dem Schauspiel gedan-
kenverloren bei. So überhörte sie das Geräusch sich nähernder
Schritte genauso wie ein deutlich hörbares Schnaufen.
»Paul ist weg!«
Der Ausruf riss Charlotte ruckartig aus ihrer Welt. Sie
brauchte einen Moment, um sich in der Realität zurechtzu-
finden. Mit der Maustaste fuhr sie auf Speichern, lehnte sich
zurück und rückte ihre Hornbrille zurecht. An Arbeit war jetzt
nicht mehr zu denken. Sie seufzte kaum hörbar und sah auf.
»Wow!«, sagte sie schließlich und sah Sandra aufmerksam
an.
»Wow? Das ist alles, was dir dazu einfällt? Mein Verlobter
ist wie vom Erdboden verschwunden und du sagst wow?!«
Charlotte lehnte sich tief in den Stuhl zurück, lächelte
schwach und ließ Sandra dabei nicht aus den Augen. Die Sache
mit der Verlobung. Richtig. Nun, es schien jetzt nicht der pas-
sende Zeitpunkt, das Thema zur Sprache zu bringen. Wieder
rückte sie ihre Hornbrille zurecht, obwohl sie perfekt saß. Da-
mit ließ sich immer spielend Zeit gewinnen. Und die war in
diesem Augenblick bitter nötig.
»Wie wär’s mit einem Kaffee?«, schlug sie vorsichtig vor
und erhob sich, ohne auf eine Antwort zu warten. Sie ging an
Sandra vorbei in die offene Wohnküche und hörte, wie der
ungebetene Besuch es sich lautstark in ihrem Lieblingssessel
bequem machte.
»Die Tür zum Garten war schon wieder nicht verschlossen,
ich könnte auch ein Einbrecher sein.«
»Aber du bist keiner.«
»Ernsthaft Charlotte, das ist so was von leichtsinnig. Be-
sonders in der heutigen Zeit!«
Charlotte schwieg. Die Terrassentür ihres Schlafzimmers,
die über einen großzügigen Balkon hinunter in den Gemein-
schaftsgarten des Mehrfamilienhauses führte, war einer der
Gründe gewesen, warum sie die Wohnung in Schmargendorf
gekauft hatte. Zugegeben, mit dem Verschließen haperte es
öfters, aber bisher hatte noch niemand außer Sandra diesen
Weg ungebeten in ihr Zuhause gewählt.
»Also wie gesagt, Paul ist weg. »
»Ich weiß.«
»Charlotte, du treibst mich in den Wahnsinn, ernsthaft
jetzt!«
Charlotte füllte zwei Tassen mit Kaffee, fügte für sich selbst
reichlich Kaffeesahne hinzu, reichte Sandra ihre Tasse und
setzte sich aufs Sofa.
»Riecht gut, wie gelingt er dir immer so perfekt?«
»Ich mache genügend davon, wenn ich schreibe. Übung
macht den Meister. Was hast du jetzt vor? Was soll das über-
haupt heißen, Paul ist weg?«
»Weg! Verschwunden, nicht mehr erreichbar. Hat sich so-
zusagen in Luft aufgelöst.«
Charlotte betrachtete Sandra aufmerksam. Sie sah wie im-
mer fabelhaft aus, dachte sie ohne Neid. Ohne Konkurrenz zu
empfinden. Männer und Frauen blickten ihr gleichermaßen
nach, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Das weib-
liche Geschlecht stufte Sandra mehrheitlich als Gefahr ein, das
männliche als eine Augenweide und mögliche Beute. Sandra
freute sich über die verhohlene, neidvolle Aufmerksamkeit
der Frauen, es bereitete ihr fast eine teuflische Freude, das
wusste Charlotte nur zu gut. Die lustvollen Blicke der Männer
ließ sie kühl an sich abgleiten.
»Und nun?«
»Nun weiß ich nicht mehr weiter. Ich störe dich ungern aus
dem Blauen heraus, aber ich brauche deinen Rat.«
Charlotte lächelte in sich hinein. Die Aussage war an Un-
wahrheit nicht zu übertreffen. Sandra nahm auf niemanden
Rücksicht.
»Ich denke, Walter wäre der bessere Ansprechpartner, fin-
dest du nicht?«
»Walter steckt über beide Ohren in Arbeit. Vor dem frühen
Abend brauche ich mir die Mühe nicht zu machen.«
»Ich stecke auch über beide Ohren in Arbeit. Die Rohfas-
sung ist in vollem Gange.«
»Bei dir ist das etwas völlig anderes. Du allein bestimmst
über deine Zeit. Zudem bist du eine erfolgreiche Autorin, die
Leute reißen sich förmlich um deine Krimis. Der arme Walter
muss hoch anstrengende Persönlichkeiten umgarnen, die nur
auf sich selbst fixiert sind.«
Charlotte schwieg. Mit Sandra zu diskutieren war reine
Zeitverschwendung. Im besten Falle mühselig. Für Walter
konnte sie kein Mitleid empfinden. Er ist genauso eine Ram-
pensau wie Sandra, ging es ihr durch den Kopf.
»Ich denke, du tust gut daran, abzuwarten. Paul wird schon
wieder auftauchen.« Sie wusste nur zu gut, dass Sandra ihr
diesen Schwindel nicht abnehmen würde. Dafür war sie viel
zu schlau. Aber einen Versuch war es wert. Charlotte hatte
weder die Zeit noch den Nerv für dieses Gespräch.
»Er ist seit knapp einer Woche verschwunden, geht nicht
ans Telefon und antwortet weder auf meine Nachrichten noch
auf E-Mails. Ich bin fast am Durchdrehen.«
»Verständlich.«
»Ich dachte, du hättest eine Idee, wo er sein könnte, oder
besser, was ich tun soll.«
»Wie kommst du darauf, dass ich wissen könnte, wo er ist?
Wir sind lose bekannt, und zwar durch dich. Und wie gesagt,
Walter wird dich in diesem Fall weit besser beraten können
als ich.«
Sandra schwieg einen Moment, leerte ihren Kaffee in einem
Zug und nahm Charlotte ins Visier.
»Sag mal, wie siehst du überhaupt aus?« Ihr Ton war un-
terschwellig tadelnd.
»Sandra, du solltest mich zur Genüge kennen. Wenn ich
schreibe, kümmert mich mein Aussehen herzlich wenig.«
»Das, meine Liebe, ist offensichtlich. Nun gut, ich mach los!
Bei dem Verkehr werde ich Ewigkeiten brauchen, bis ich bei
Walter bin, geschweige denn einen Parkplatz finde. Danke für
den Kaffee.«
Charlotte erhob sich zeitgleich mit Sandra, die ihr zer-
knautschtes T-Shirt, die ausgebeulte Boyfriend-Jeans und die
lose hochgesteckten Haare missbilligend begutachtete.
»Ich kenne den Weg, ich überlasse dich wieder deinem
Schreibtisch. So kannst du auf keinen Fall vor die Tür. Falls
Paul sich meldet, richte ihm aus, dass ich ihn töte, sobald ich
die Möglichkeit dazu habe.
Wohl kaum, dachte Charlotte amüsiert und nahm Sandra
die Tasse ab. Sie verabschiedete ihren Besuch mit einem mü-
den Winken und war froh, als die Tür ins Schloss fiel. Nach-
dem sie die Kaffeetassen in die Spüle gestellt hatte, ging sie
zum Fenster und sah, wie Sandras Smartphone bereits an ih-
rem Ohr klebte und sie ungeduldig nach dem Autoschlüssel
suchte.
Wohl kaum, dachte sie erneut und kehrte zum Schreibtisch
zurück. Wohl kaum. Sandra war eine Meisterin darin, sich
Dinge zurechtzubiegen. Für Charlotte stand fest: Einen Mann
wie Paul Wichert hält man nicht fest. Auch eine Sandra Meise
nicht. Keine Chance. Nicht Paul Wichert. Dreimal nein. Ihn
zum Standesamt zu bewegen ist so unmöglich, wie den Papst
dazu zu bringen, sich als Buddhist zu outen. Und zwar wäh-
rend einer öffentlichen Ansprache auf dem Petersplatz, wo
sonst?
Charlotte kreiste rastlos um ihren Schreibtisch. Sandra hat-
te sie völlig aus dem Takt gebracht. Und wie so oft eine
Mordslust in ihr ausgelöst. Das wiederum war von Vorteil, ihr
Protagonist war kurz davor, ein weiteres Opfer verschwinden
zu lassen.
Charlotte löste die Haarspange und strich mit ihren Fingern
durch ihre Mähne. Vielleicht sollte ich ein Bad nehmen, über-
legte sie, die Leiche muss warten. Aber im Kühlschrank ist
auch nichts mehr, fiel ihr ein. Gähnende Leere, um genau zu
sein. Zeit Mustafa zu besuchen, entschied sie. Die Arbeit hole
ich später wieder auf.
Kurzentschlossen steckte sie die Haare zusammen, griff zur
Handtasche und ging zur Tür. Zeit die Vorräte aufzufüllen.
Mit etwas Glück würde ihr Gemüsehändler sie mit Tee und
Gebäck aufheitern.
Sandra trieb der späte Nachmittagsverkehr in den Wahnsinn.
Ihren steigenden Unmut ließ sie an einem ihrer Mitarbeiter
aus, dessen Jammern nur zaghaft durch die Freisprechanlage
des BMWs klang.
»Thorsten, hören Sie auf, sich wie ein Kleinkind zu beneh-
men, das ist ja unerträglich!«
Rüde nahm sie einer älteren Dame die Vorfahrt und beach-
tete die Lichthupe nicht, die folgte.
»Nein, ich verspäte mich, also packen Sie die Gelegenheit
beim Schopf und beweisen Sie sich endlich als professioneller
Mitarbeiter! Sonst überlasse ich die arabische Delegation mor-
gen ganz ihnen.«
Ohne auf das Wimmern, das folgte, einzugehen, legte Sand-
ra auf und versuchte sich auf den Verkehr zu konzentrieren.
Wo verdammt nochmal war Paul? So einen Stunt hatte er noch
nie gebracht. Entnervt wählte sie die Nummer seines Büros.
»Wichert und Partner, Sarah Meyer am Apparat, wie kann
ich Ihnen helfen?«
Die zuckersüße Stimme der Rezeptionistin trug nicht zur
Verbesserung ihrer Laune bei, im Gegenteil.
»Frau Meyer, Sandra Meise, guten Tag. Offensichtlich tun
Sie sich schwer damit, meine Rückrufbitte zu Herrn Wichert
durchzustellen.«
Der Antwort schenkte Sandra wenig Aufmerksamkeit. Ge-
nervt verdrehte sie die Augen und straffte die Schultern. »Wie
dem auch sei, bitte richten Sie Herrn Wichert aus, dass ich
dringend seinen Rückruf erwarte! Das wäre zu reizend von
Ihnen, vielen Dank!« Entnervt kappte sie die Verbindung.
Ein Klopfen an der Fensterscheibe ließ sie aufschrecken.
Eine ältere Frau lächelte ihr aufmunternd zu. Widerstrebend
öffnete Sandra das Fenster und schenkte der Unbekannten ein
kühles Lächeln. Bevor sie etwas sagen konnte, eröffnete die
Frau das Gespräch.
»Jetzt passen Se mal uff, meene Puppe: Erst nehmen Se mir
die Vorfahrt, dann schaffen Se’s hier alle zu blockieren. So wat
kann ick nich verknusen. Also tun Se mir eenen Gefallen,
kommen Se aus’m Knick und gehen Se mir nich uff de Ketten,
kapiert?«